Die Frage „Warum ist der Schiefe Turm von Pisa schief?" ist eine der meistgestellten Fragen von Besuchern. Die Antwort ist eine faszinierende Mischung aus geologischen Gegebenheiten, mittelalterlicher Ingenieurskunst und einer über 800 Jahre dauernden Geschichte von Problemen und Lösungsversuchen. Heute wissen wir genau, warum der Turm sich neigt – und warum er trotzdem noch steht.
Die geologische Ursache: Weicher Untergrund
Die Hauptursache für die Neigung des Turms liegt im Untergrund. Die Piazza dei Miracoli befindet sich in einer ehemaligen Mündungsebene der Flüsse Arno und Serchio. Der Boden besteht aus mehreren Schichten unterschiedlicher Zusammensetzung: weicher Ton, feiner Sand und Ablagerungen von Meeressedimenten. Diese Schichten sind nicht gleichmäßig verteilt und haben unterschiedliche Stabilität.
Unter dem Turm befindet sich in etwa drei Metern Tiefe eine besonders weiche Tonschicht. Diese Schicht ist auf der Südseite des Fundaments weicher und wasserhaltiger als auf der Nordseite. Als das immense Gewicht des Turms – etwa 14.500 Tonnen – auf dem Fundament lastete, begann die Südseite stärker nachzugeben als die Nordseite. Das Ergebnis: Der Turm begann zu kippen.
Wissenschaftliche Erkenntnis
Moderne Bodenuntersuchungen haben gezeigt, dass der Name „Pisa" möglicherweise vom griechischen Wort für „sumpfiges Land" abgeleitet ist. Die gesamte Region war historisch für ihre instabilen Böden bekannt – und der Turm ist nicht das einzige geneigte Gebäude in der Stadt!
Die Baugeschichte: 199 Jahre voller Probleme
Der Bau des Turms begann im Jahr 1173 unter der Leitung des Architekten Bonanno Pisano. Bereits nach dem Bau der ersten drei Stockwerke, etwa fünf Jahre später, begann sich der Turm zu neigen. Die Bauarbeiten wurden gestoppt – teilweise aus technischen Gründen, teilweise wegen politischer Konflikte und Kriegen in der Region.
Diese fast 100-jährige Baupause erwies sich als Glücksfall. In dieser Zeit konnte sich der Boden unter dem Fundament setzen und verdichten. Als die Bauarbeiten 1272 unter Giovanni di Simone wieder aufgenommen wurden, war der Boden etwas stabiler, und die Neigung hatte sich verlangsamt.
Um die Neigung auszugleichen, wurden die oberen Stockwerke leicht gebogen gebaut. Wenn Sie das Innere des Turms genau betrachten, können Sie erkennen, dass der Turm keine gerade Linie bildet, sondern eine leichte Bananenform hat. Die Baumeister versuchten, die Neigung durch höhere Säulen auf der einen Seite und kürzere auf der anderen auszugleichen.
Der Turm wurde schließlich 1372 fertiggestellt, fast 200 Jahre nach Baubeginn. Zu diesem Zeitpunkt neigte er sich bereits deutlich, aber er stand – ein Wunder der mittelalterlichen Ingenieurskunst und des Zufalls.
Die zunehmende Neigung über die Jahrhunderte
Nach der Fertigstellung setzte sich die Neigung langsam, aber stetig fort. Jedes Jahr neigte sich der Turm um etwa 1-2 Millimeter weiter. Was nach wenig klingt, summierte sich über die Jahrhunderte zu einer bedrohlichen Schieflage.
Im 19. Jahrhundert begann man, die Neigung wissenschaftlich zu dokumentieren. Die Messungen zeigten, dass der Turm nicht nur kippte, sondern sich die Neigung beschleunigte. Im 20. Jahrhundert wurde die Situation kritisch: Der Turm drohte, seinen Kipppunkt zu überschreiten und einzustürzen.
Vor der Stabilisierung in den 1990er Jahren betrug die Neigung etwa 5,5 Grad. Die Turmspitze war um mehr als 4,5 Meter von der Senkrechten abgewichen. Experten warnten, dass ein Einsturz innerhalb weniger Jahrzehnte unvermeidlich sei, wenn nichts unternommen würde.
Die große Rettungsaktion (1990-2001)
Im Jahr 1990 wurde der Turm für Besucher geschlossen, und ein internationales Ingenieurteam begann mit der größten Rettungsaktion der Architekturgeschichte. Die Herausforderung war enorm: Der Turm musste stabilisiert werden, ohne sein charakteristisches Aussehen zu verändern oder ihn zu beschädigen.
Verschiedene Methoden wurden erwogen und teilweise getestet. Eine erste Maßnahme war das Anbringen von 600 Tonnen Bleigewichten an der Nordseite des Turms, um als Gegengewicht zu wirken. Dies bremste die Neigung vorübergehend.
Die endgültige Lösung war elegant und effektiv: Bodenextraktion. Ingenieure bohrten schräge Löcher unter der Nordseite des Fundaments und entfernten vorsichtig kleine Mengen Erde – etwa 38 Kubikmeter insgesamt. Dadurch sank die Nordseite leicht ab, und der Turm richtete sich langsam auf.
Diese Methode war ein Geniestreich: Sie nutzte die gleichen physikalischen Prinzipien, die ursprünglich zur Neigung geführt hatten, nun um den Turm zu stabilisieren. Der Prozess dauerte elf Jahre und wurde mit höchster Präzision durchgeführt.
Das Ergebnis: Stabil für die nächsten 300 Jahre
Im Jahr 2001 wurde der Turm wieder für Besucher geöffnet. Die Neigung war von 5,5 Grad auf 3,97 Grad reduziert worden – etwa so viel wie vor 200 Jahren. Die Turmspitze hatte sich um etwa 45 cm zurückbewegt.
Ingenieure schätzen, dass der Turm nun für mindestens 300 weitere Jahre stabil ist. Kontinuierliche Messungen überwachen die Position des Turms, und bisher zeigt sich, dass er sogar leicht weiter zurückkippt – ein Zeichen, dass sich der Boden weiter setzt und stabilisiert.
Der Turm wurde auch erdbebensicher gemacht. Verstärkungen im Fundament und neue Verankerungstechniken schützen ihn vor den in Italien häufigen seismischen Aktivitäten. Moderne Sensoren überwachen jede Bewegung in Echtzeit.
Andere schiefe Türme in Pisa
Der Schiefe Turm ist nicht das einzige geneigte Gebäude in Pisa. Der instabile Untergrund der Stadt hat auch andere historische Gebäude beeinflusst:
Die Kirche San Nicola: Der Glockenturm dieser Kirche nahe der Piazza dei Miracoli hat ebenfalls eine erkennbare Neigung, wenn auch weniger dramatisch als der berühmte Turm.
Die Kirche San Michele degli Scalzi: Dieser Kirchturm auf der anderen Seite des Arno neigt sich sogar stärker als der berühmte Schiefe Turm, ist aber weniger bekannt.
Auch das Baptisterium und der Dom auf der Piazza dei Miracoli haben leichte Neigungen, die jedoch mit bloßem Auge kaum erkennbar sind. Erfahren Sie mehr über den genauen Standort und was Sie in der Umgebung noch entdecken können.
Die Neigung als Glücksfall
Ironischerweise ist die Neigung des Turms der Grund für seine Weltberühmtheit. Wäre der Campanile gerade gebaut worden, wäre er nur einer von vielen schönen romanischen Glockentürmen in Italien. Die Neigung machte ihn zum Kuriosum, zum Fotomotiv und zur Touristenattraktion.
Heute besuchen jährlich etwa 5 Millionen Menschen die Piazza dei Miracoli, die meisten wegen des schiefen Turms. Die lustigen Perspektivfotos, die Touristen vor dem Turm machen, sind zu einem eigenen kulturellen Phänomen geworden.
Der Schiefe Turm von Pisa ist somit ein Beispiel dafür, wie ein vermeintlicher Fehler zu etwas Einzigartigem und Kostbarem werden kann. Er erinnert uns daran, dass Perfektion nicht immer notwendig ist, um Schönheit und Bedeutung zu erlangen.
Zusammenfassung: Warum der Turm schief ist
- Ursache: Weicher, ungleichmäßiger Untergrund (Ton und Sand)
- Beginn der Neigung: Nach Bau der ersten 3 Stockwerke (ca. 1178)
- Bauzeit: 199 Jahre (1173-1372)
- Maximale Neigung: 5,5 Grad (vor 1990)
- Aktuelle Neigung: 3,97 Grad (nach Stabilisierung)
- Prognose: Stabil für mindestens 300 weitere Jahre